Fahren Sie mal mit der Maus über einen Google-Treffer und schauen Sie unten in die Statuszeile Ihres Browsers. Wo bis vor Kurzem noch die Adresse der Zielseite zu finden war, steht jetzt oft google.com/goto und ein Zeichensalat dahinter. Für Sie als Suchenden ändert das nichts, der Klick landet wie immer beim Ziel. Für die Werkzeuge, die die Rankings Ihrer Webpräsenz messen, ändert es jedoch viel. Google verpackt die Zieladresse in eine Weiterleitung und gibt sie erst preis, wenn jemand dieser Weiterleitung folgt.
Am 26. August 2026 hat Google die Umstellung offiziell bestätigt. Die erste Branchenreaktion war roter Alarm. Die Wahrheit ist ruhiger und zugleich unbequemer. Das klassische Rank-Tracking hält. Brüchig werden aber ausgerechnet die Daten, auf denen Reports zur KI-Sichtbarkeit aufbauen. Das bedeutet: Wer KI-Sichtbarkeit messen will und sich dafür auf Tool-Zahlen verlässt, misst gerade an der wichtigsten Stelle am unsichersten. Dieser Beitrag zeigt, was sich technisch geändert hat, an welchen SERP-Features die Messung reißt und mit welchen Prüffragen Sie herausfinden, ob Ihren eigenen Zahlen noch zu trauen ist.
Hintergrund: Was gerade passiert und wie weit es reicht
Google testet die goto-Weiterleitung seit Ende Juni, seit Ende August läuft sie breit. Ein Google-Mitarbeiter bestätigte sie gegenüber der Fachpublikation Search Engine Roundtable mit einem knappen Satz: „We have a long history of deploying technical measures against evolving forms of abuse, and we regularly take steps to protect our services and users.“
Wie weit der Rollout reicht, schwankt von Stunde zu Stunde. Kein Scherz! Der Rank-Tracking-Anbieter Nozzle meldete am Morgen des 26. August eine Abdeckung „near 100% rollout across several residential ip providers“. Die zugehörige Messkurve zeigt einen scharfen Anstieg auf nahezu hundert Prozent um den 20. bis 25. August und danach ein starkes Auf und Ab, zuletzt bei rund 42 Prozent. Diese 42 Prozent sind eine Ablesung aus dem Chart ohne genaue Achsenbeschriftung, also eine Näherung. Die Zahlen sagen vor allem eines: Die Umstellung ist da, aber sie ist weder vollständig noch stabil. SISTRIX bestätigte am 27. August öffentlich einen breiten, anhaltenden Rollout.
Wo die Messung bricht: ein Test mit 44.000 URLs
Am genauesten hat bisher (Stand: 28. August) Hanns Kronenberg, Head of SEO bei Chefkoch, hingeschaut. Er hat 1.040 Keywords und 44.072 Treffer-URLs über die DataForSEO SERP API gezogen und mit echten Browser-Sitzungen auf google.de und google.com verglichen. Sein Ergebnis zeigt, dass die Weiterleitung eben nicht pauschal alles verschluckt.
Die organischen Treffer lösten sich vollständig auf, alle 17.347 von 17.347. Videos ebenso, 1.204 von 1.204. Bei ihnen steht die echte Zieladresse in einem eingebetteten Datenblock direkt neben der Weiterleitung, die Werkzeuge finden sie also weiterhin. Nur die maskierte Google-Adresse bleibt an anderer Stelle hängen: bei Vergleichsboxen zu hundert Prozent, mobil wie am Desktop, bei mobilen Rezeptgalerien fast durchgängig (1.944 von 1.956, am Desktop dagegen sauber) und bei Teilen des Local Pack am Desktop (267 von 276, mobil sauber).
Ob die echte Adresse durchkommt, entscheidet sich somit an Client, Gerät und Sitzung. Google spielt die Weiterleitung je nach Abfrage unterschiedlich aus. Kronenbergs Fazit: „Entscheidend ist nicht der Markt. Entscheidend ist, wie Google den Client behandelt.“ Eine erste Beobachtung von ihm, eingeloggtes Chrome ohne goto-Adressen und Inkognito durchgehend, deutet auf den Login-Status als möglichen Faktor hin. Er markiert sie selbst als noch nicht sauber isoliert, mehr als ein Verdacht ist es bislang nicht.
KI-Sichtbarkeit: Ausgerechnet die KI-Daten sind jetzt am unsichersten
Hier wird es für alle unbequem, die ihre KI-Sichtbarkeit über Tools steuern.
DataForSEO, ein Datenlieferant hinter vielen bekannten SEO-Tools, nennt in einer Kundenmail konkrete Restquoten. Laut dieser Anbieter-Angabe, öffentlich nicht bestätigt, liefern 99,99 Prozent der organischen SERPs weiterhin direkte Zieladressen. Ungelöst bleiben demnach 52,26 Prozent bei den AI Overviews, 25,1 Prozent im Local Pack und 0,39 Prozent bei den Featured Snippets.
Wir haben nach einer öffentlichen Quelle für diese Zahlen gesucht und keine gefunden, weder in den Changelogs noch auf der Statusseite oder im Blog des Anbieters. Deshalb bleiben sie hier ausdrücklich Anbieter-Angabe und keine harte Tatsache. Ihre Richtung deckt sich aber mit Kronenbergs unabhängigem Test, der beim Local Pack am Desktop auf eine ähnliche Größenordnung kommt, rund 97 Prozent sind demnach maskiert. Zwei Methoden, zwei Zeitpunkte, dasselbe Bild: Am stärksten trifft die Weiterleitung die AI Overviews und das Local Pack. Also genau die Felder, auf denen Reports zur KI-Sichtbarkeit basieren.
Meine Empfehlung: Misstrauen Sie ab sofort jedem KI-Sichtbarkeits-Report, der taggenau tut, als wäre nichts passiert. Das Rank-Tracking übersteht die Umstellung, die KI-Daten nicht zwangsläufig. Wer beides in einen Topf wirft, misst mit einem Maßband, dem gerade ein Stück fehlt.
Wie ein zweiter Anbieter darauf reagiert
SISTRIX macht öffentlich vor, wie die etablierten Anbieter mit der Umstellung umgehen. In einer Statusmeldung vom 27. August schreibt das Unternehmen, man beobachte den Effekt seit Wochen und löse die maskierten Adressen bereits wieder auf ihre echten Ziele auf. Das kostet pro Treffer einen zusätzlichen Abruf gegen Google, die Aktualisierung dauert für einige Tage länger, die Daten bleiben aber vollständig und vergleichbar. Der entscheidende Satz lautet: „As with num=100, it does not prevent it.“
Der Verweis auf num=100 ist kein Zufall. Im September 2025 hatte Google diesen Parameter ohne Vorwarnung abgeschafft, mit dem sich die ersten hundert Treffer einer Suche auf einmal abrufen ließen. Anbieter wie SISTRIX mussten ihre Erfassung umbauen und den Desktop-Sichtbarkeitsindex einstellen. Die goto-Weiterleitung reiht sich in eine Kette ein, die seit über einem Jahr läuft.
Das heißt konkret: Auflösen lässt sich die Maskierung. Sie wird nur teurer und langsamer.
Was Sie jetzt prüfen sollten
Was heißt das für Ihre eigenen Reports?
Schauen Sie zuerst nach Treffern, die plötzlich google.com statt Ihrer eigenen Domain zugeordnet sind. Solche Fehlklassifikationen sind das sichtbare Symptom der Maskierung. Stellen Sie dann Ihrem Tool-Anbieter oder Ihrer Agentur eine einfache Frage: Löst ihr die goto-Weiterleitungen auf, und für welche SERP-Features tut ihr das bereits? Wer darauf keine klare Antwort hat, misst KI-Sichtbarkeit zurzeit mit der falschen Sehstärke. Alles ist verschwommen.
Wir haben diese Frage zuerst uns selbst gestellt. Wir messen über dieselbe DataForSEO-Infrastruktur und haben am 27. August einen eigenen Prüfpunkt für die goto-Weiterleitung in unsere Messkette eingezogen, also am selben Tag, an dem die Lage öffentlich wurde.

Warum Google das tut
Es stellt sich jetzt vor allem eine Frage: Warum geht Google so vor? Der Konzern nennt „technische Maßnahmen gegen sich wandelnde Formen von Missbrauch“. In der Branche kursiert eine zweite Lesart: Google erschwere gezielt das Auslesen der Ergebnisse durch KI-Dienste und Datenanbieter wie SerpApi, gegen den Google vor Gericht steht. Belegt ist keine der beiden Deutungen, plausibel sind beide. Für Ihre Daten ist das Motiv ohnehin zweitrangig. Was zählt, ist die Wirkung.
Kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund zur Nachfrage
Ihre Rankings verschwinden nicht, die etablierten Anbieter fangen die Umstellung ab. Grund zur Nachfrage bleibt trotzdem, und zwar genau dort, wo es unbequem wird: bei den Zahlen zur KI-Sichtbarkeit. Denn sie trifft die goto-Weiterleitung am härtesten. Fahren Sie also ruhig weiter mit der Maus über Ihre Google-Treffer. Aber trauen Sie einer Zahl zur KI-Sichtbarkeit erst, wenn Sie wissen, wie sie an der goto-Weiterleitung vorbeigekommen ist.
Quellen: Search Engine Roundtable, Barry Schwartz, 26.08.2026 (bestätigtes Google-Statement) · Search Engine Land, Barry Schwartz, 26.08.2026 · Derek Perkins / Nozzle, X, 26.08.2026 · Hanns Kronenberg, LinkedIn, 27.08.2026 · SISTRIX-Statusmeldung, 27.08.2026 · DataForSEO-Anbieter-Angabe (Kundenmail, 27.08.2026, öffentlich nicht bestätigt).
Wie brüchig Kennzahlen zur KI-Sichtbarkeit grundsätzlich sind, ordnet unser Beitrag zur Traffic-Messlücke ein. Warum SEO und GEO ohnehin nicht als zwei getrennte Disziplinen taugen, zeigt der Wissensbeitrag SEO vs. GEO.
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